Operation mit Verwechslungsgefahr (Kurzgeschichte komplett, Erstabdruck aus Ausgabe 03)

SteffenVogt Papa von BuchKnall 01.09.2026, 07:04

von Jörg Schorn

Teil 1 dieser Geschichte steht in Ausgabe 03 des BuchKnall-Magazins, „Das erste Signal“.
Hier im Forum findet ihr die Geschichte am Stück, von der ersten bis zur letzten Zeile.
Wer im Heft angefangen hat: Teil 2 beginnt weiter unten, ab der Marke Teil 2.
Zum Heft geht es hier entlang: https://www.buchknall.com/magazin/das-erste-signal/

Eine Satire über vollautomatisierte Krankenhäuser, ein höchstwertiges Byte an der falschen Stelle und einen Patienten, der eigentlich nur zu einer MRT-Untersuchung wollte.


Teil 1

(steht so auch im Magazin, Ausgabe 03)

Nach Jahren chronisch leerer Staatskassen und ungebremst steigender Ausgaben im Gesundheitssystem forderten immer mehr Experten immer drastischere Sparmaßnahmen. Inzwischen haben sich vollautomatisierte Krankenhäuser unter KI-Leitung als Franchise-Modell etabliert.

Überteuerte, von menschlichem Personal betriebene Kliniken gibt es nicht mehr. Keine langen Wartezeiten, keine gestressten Chefärzte, keine aufdringlichen Zaungäste beim Überlebenskampf. Alles geht wunderbar routiniert seinen Weg.

Herr Mustermann ist zu einer MRT-Untersuchung seiner Halswirbelsäule einbestellt, denn seit Wochen plagen ihn ein Stechen im Nacken und hartnäckige Kopfschmerzen. Nun soll endlich geklärt werden, was hinter diesen Beschwerden steckt.

Er betritt eine Empfangshalle, die in ihrer emotionalen Wärme an einen Schockfroster erinnert. Statt einer zentralen Anlaufstelle mit lächelndem Empfangspersonal erblickt Mustermann ein Meer von Zellen, in denen man der Verwaltung mittels Krankenkassenkarte seine gesundheitliche Bilanz offenlegt. Sie wirken in Größe und Ausstrahlung, als habe der Architekt sich einst dem Design von Sardinenbüchsen verschrieben.

Eine Drohne kommt herangesurrt. »Bitte begeben Sie sich in Kabine 31. Reihe drei, erste von links.«

Noch bevor Mustermann antworten kann, ist das Fluggerät wieder im Bauch des Verwaltungssystems verschwunden.

Er nimmt in der zugewiesenen Zelle Platz. Ein Display flackert auf: ›Bitte halten Sie Ihre Gesundheitskarte an das Lesegerät.‹

Während er Auskunft über vergangene medizinische Peinlichkeiten und Erkrankungen erteilt, hört er jemanden telefonieren.

»Ja, von der Firma Medical Intelligence … genau … die Vertretung, richtig. Ich soll den Patch einspielen. Wie bitte? … Wo lang? … Okay. Ich hoffe, das sind hier schon die neuen Systeme mit dem höchstwertigen Byte links und nicht rechts, weil der Patch nur –«

Mehr kann Mustermann nicht hören, denn da ist der Techniker schon hinter einer sich zischend schließenden Tür verschwunden.

Auf dem Bildschirm erscheint die Meldung, dass die Bearbeitung abgeschlossen ist: ›Vielen Dank für Ihre Geduld. Bitte begeben Sie sich in Sektor D, Diagnostik und Vorbereitung. Zweites Stockwerk, Zimmer 205 ist für Sie vorbereitet. Schön, dass Sie sich für Medical Intelligence entschieden haben. Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt.‹

Mustermann begibt sich in das ihm zugewiesene Zimmer und fühlt sich in seine Jugend zurückversetzt. Damals hatte er ein Praktikum als Maurer absolviert und in ähnlich geräumigen Bauwagen seine Mittagspausen verbringen müssen.

Sein Blick fällt auf mittelmäßig frische Blumen in einer Plastikvase auf einem Brett an der Wand. Darüber hängt ein Flachbildschirm und zeigt in einer Endlosschleife Bilder von Stränden und im Meer versinkender Abendsonnen. Gegenüberliegend befinden sich ein Bett und ein Spind.

Mustermann legt seine Tasche ab, denkt noch darüber nach, ob man das Meeresrauschen, das aus leicht kratzenden Deckenlautsprechern zu hören ist, wohl abschalten kann, als sich die Zimmertür hinter ihm mit einem leisen Klick öffnet. Ein quadratischer Beistelltisch von etwa einem Meter Höhe kommt auf drei kleinen Rollen hereingehuscht. »Guten Tag, Herr Mustermann. Ich bin Health, Ihr persönlicher Begleiter während Ihres Aufenthalts in unserem Hause.«

Drei Arme fahren suchend in verschiedene Fächer des Kastens und ziehen ein Operationshemd sowie eine Dose mit zwei Tabletten hervor. »Nehmen Sie bitte die Tabletten ein und ziehen Sie dieses Hemd an. In zehn Minuten werden Sie abgeholt.«

Mustermann schaut den Tisch verwundert an. »Umziehen? Für ein MRT?«

»Das ist für alle Gäste unseres Hauses so üblich. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« Der Roboter reicht ihm Pillen und Operationshemd.

»Und wo soll ich meine Sachen so lange ablegen?«, fragt Mustermann zögernd, während er langsam die Utensilien greift. »Die legen Sie bitte in den Spind, den Sie hier zu meiner Rechten sehen.«

Mit dem dritten Arm weist der kleine Kasten auf den Schrank neben sich.

»Das ist aber zu deiner Linken, oder?«

Der Roboter dreht sich einmal um sich selbst. »Oh, selbstverständlich. Meine Linke. Vielen Dank, Herr Mustermann. Schön, dass Sie Gast in unserem Hause sind. Wir hoffen, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt.«

Mustermann legt Kleidung und Uhr ordentlich in den Schrank, begibt sich ins Bett, schluckt die Tabletten, schaut zur Zimmerdecke und ist weg.

Als er wieder zu sich kommt, ist er irritiert. Er liegt auf dem Rücken, jedoch scheint ihm jemand ein Kissen ins Gesicht zu drücken. Instinktiv will er es greifen, schlägt sich dabei aber auf den Hinterkopf. Verwirrt zieht er den Kopf zurück, wodurch der Druck des Kissens in sein Gesicht allerdings nur zunimmt. Er wirft den Kopf zur Seite und schreit um Hilfe.

Mit einem Klick öffnet sich die Tür. Health ist wieder da. »Guten Tag, Herr Mustermann. Ich hoffe, Sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Es hat sich gezeigt, dass Ihre Schmerzen daher rührten, dass Ihr Kopf die ganze Zeit falsch herum auf Ihren Schultern saß. Medical Intelligence hat das Problem umgehend für Sie behoben. Danke, dass Sie uns Ihr Vertrauen geschenkt haben.«

Mustermann fährt auf. »Was habt ihr mit mir gemacht?«

»Sie sind geheilt. Ihr Kopf war lediglich verdreht«, antwortet der Tisch in freundlichem Ton.

»Verdreht? Hast du jemals von einem Menschen gehört, der unbemerkt jahrzehntelang mit verdrehtem Kopf rumgerannt ist? Das kann doch nicht euer Ernst sein!«

Health zögert. »Einen Moment, bitte.«


Teil 2

(ab hier geht es im Heft nicht weiter)

Die Tür klickt und der Roboter enteilt in den Flur. Mustermann versucht, seinen Kopf so weit wie möglich in seine ursprüngliche Position zu drehen. Tatsächlich befindet er sich in einer sehr unangenehmen Lage. Er könnte nur noch rückwärts am Weltgeschehen teilnehmen und müsste zusätzlich sein Verständnis von links und rechts neu überdenken. Bevor er das ganze Ausmaß begreift, schnellt die Tür klickend auf und Health eilt herein.

»Alles erledigt, Herr Mustermann. Medical Intelligence hat sich dazu bereiterklärt, Sie auf eigene Kosten nochmals komplett durchzuchecken. Wenn Sie bitte die Tabletten schlucken wollen …«

Mustermann will nach den Tabletten greifen, greift jedoch ins Leere.

»Bitte die andere Hand, Herr Mustermann.«

Runde zwei: Tabletten, Decke, Stoßgebet, weg.

Mustermann wacht auf. Er liegt auf dem Bauch und blickt zur Decke. Er schaut an sich herunter und erschrickt. »Health! Health, wo bist du?«

Klickend öffnet sich die Tür. »Nun, Herr Mustermann, sind Sie mit unserem Service zufrieden? Medical Intelligence hat festgestellt, dass nicht nur Ihr Kopf verdreht war, vielmehr war die Verwirrung dadurch entstanden, dass zusätzlich zu Ihrem Kopf auch Ihre Füße anatomisch fehlerhaft ausgerichtet waren.«

Mustermann will das rechte Bein anwinkeln, wodurch allerdings sein linkes Bein mit dem Fuß in Richtung Decke geht.

»Seid ihr wahnsinnig? Ihr habt jetzt meine Füße zusätzlich zum Kopf gedreht!«, brüllt er, während er versucht, mit den Fäusten auf seine Bettdecke zu schlagen.

Die Tür klickt erneut. Eine Mutter mit einem Jungen an der Hand kommt herein. Sie bemerkt, dass sie im falschen Zimmer ist, sieht Mustermann, erbleicht, stottert »Oh … ich … entschuldigen Sie …« und verlässt hektisch den Raum, wobei sie dem erschrockenen Kind die Augen zuhält. Auf dem Flur hört man den Jungen schreien, dass in dem Zimmer ein riesiger, gruseliger Wurm mit Armen auf dem Bett liegt und sich windet. Mustermann ringt gegen einen Kloß im Hals. »Ich will sofort mit dem Management reden. Sofort!«

»Moment, Herr Mustermann«, entgegnet der Tisch knapp. »Ich werde sehen, was ich für Sie machen kann.« Schon ist Health wieder auf seinen Rollen verschwunden.

Nach einigen Minuten nähert sich etwas Schweres. Der Boden bebt rhythmisch und die Blumen tänzeln vorsichtig in ihrer Vase.

Die Tür geht auf. Health kommt eilig hereingerollt, bleibt vor Mustermanns Bett stehen und dreht sich zum Eingang.

»Darf ich Ihnen SOCRATES vorstellen?«

Mustermann starrt ungläubig zur Tür. »Socra –«

Der kleine Kasten wippt wie ein Kind, das an Weihnachten ungeduldig auf die Bescherung wartet. »SOCRATES. Simulated Observant Care Robot And Tactical Empathy System. Sie baten doch um ein Gespräch mit dem Management.«

Ein Roboter drängt ins Zimmer, der in seinen Ausmaßen an eine Schrottpresse für Tanklastzüge erinnert. Beim Hereinkommen beugt er sich mit einem metallischen Knirschen unter dem Türrahmen hindurch. Der Raum selbst scheint sich ihm kurz entgegenstellen zu wollen, muss jedoch widerwillig zurückweichen.

»Guten Tag, Herr Mustermann. Sie haben Optimierungspotenzial im Rahmen unseres Services entdeckt?«, säuselt er mit einer Stimme, die Mustermann an einen Wolf erinnert, der Kreide gefressen hat.

Mustermanns Nackenhaare stellen sich auf und kratzen an seinem Kinn.

Das Ungetüm neigt sich über das Bett und fixiert ihn mit kalten Sensoraugen. »Nun?«

»An der Mimik wird noch gearbeitet, bis die jüngsten Patientenrückmeldungen ausgewertet sind«, merkt Health an und wippt weiterhin aufgeregt.

SOCRATES beugt sich noch tiefer herab. »Sie dürfen ebenfalls eine Beurteilung abgeben, bevor wir uns Ihrem Hinweis auf Effizienzreserven widmen. Tippen Sie bitte auf das Feld, das Ihrer Wahrnehmung am nächsten kommt«, schnurrt er und hält dem anatomischen Totalschaden ein Display so dicht vor die Nase, dass es sofort beschlägt.

›Was fühlen Sie, wenn Sie SOCRATES erblicken?‹ Darunter befinden sich zwei Felder zur Auswahl: ›Ich liebe ihn‹ und ›Ich hasse ihn‹.

Mustermann sehnt sich nach einer SOCRATES-Handvoll Sedativa und einem auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisierten Psychologen. »Ich kann mich derzeit noch nicht entscheiden«, presst er hervor.

Das Display übt inzwischen einen spürbaren Druck auf seine Nasenscheidewand aus.

»Andererseits … glücklicherweise gibt es ja nur zwei Optionen, da fällt die Auswahl relativ leicht«, lächelt er gequält, greift mit seinem rechten Arm nach hinten und peilt das Display an. Nach fünf Anläufen hat er endlich ›Ich liebe ihn‹ ausgewählt.

»Ausgezeichnet, Herr Mustermann«, säuselt SOCRATES weiter. »Nun zu Ihren Wahrnehmungen hinsichtlich unserer bisherigen Leistungserbringung. Wo genau sehen Sie weitere Entwicklungsmöglichkeiten?«

Mustermann fürchtet, er könnte augenblicklich die Kontrolle über seinen Darmtrakt verlieren, wenn er sich weiter mit dem Management-Albtraum aus Metall und Hydraulik auseinandersetzt, weshalb er den diplomatischen Rückzug wählt. »Ich bin nochmal alles durchgegangen und kam zu dem Ergebnis, dass es eigentlich nichts zu verbessern gibt. Medical Intelligence hat für meine Situation eine optimale Lösung identifiziert und erfolgreich umgesetzt. Jedoch –«

SOCRATES zuckt fast unmerklich, die Linsen seiner Sensoraugen verengen sich. Er gebietet Health mit einer Handbewegung, das Wippen einzustellen, was der Tisch sofort befolgt. »Jedoch …?«

Mustermann lächelt so glaubhaft, wie es bei einer Herzfrequenz von 180 möglich ist. »Nun, Sie wissen doch, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und ich war es ja von Geburt an gewohnt, mit verdrehtem Kopf und verdrehten Füßen mein Leben zu bestreiten. Das ist so tief in meinem Nervensystem verwurzelt, dass ich in meinem Fall die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands vorziehen würde.«

Der Roboter schaut ihn regungslos an. Für einige Sekunden herrscht ein unangenehmes Schweigen im Zimmer, untermalt vom anschwellenden Surren der Prozessorlüfter. Health hält sich am Geländer des Patientenbettes fest und blickt zu SOCRATES auf. »Wie Sie wünschen. Für Medical Intelligence stehen sowohl das Wohlbefinden als auch die Wünsche unserer Kunden an erster Stelle.«

Mit diesen Worten dreht er sich um, schiebt sich wuchtig unter dem Türrahmen hindurch und verlässt langsam den Trakt, was das Gebäude mit schweren Erschütterungen quittiert.

Health hat schon zwei Tabletten aus einer Schublade hervorgeholt und reicht sie Mustermann mit einem Glas Wasser an. »Wir kümmern uns um alles Weitere. Schön, dass Sie sich für Medical Intelligence entschieden haben.«

Als Mustermann erwacht, fühlt er sich unbeschreiblich, was leider nicht positiv zu verstehen ist. Er liegt auf dem Bett, sieht sich jedoch aus einer Perspektive, als würde er unter der Zimmerdecke schweben.

›Um Gottes willen! Was ist denn jetzt los?‹, denkt er panisch, will instinktiv wieder nach Hilfe rufen, als die Tür sich bereits mit dem gefürchteten Klicken öffnet und der übereifrige Klinikbegleiter quietschend hereingerollt kommt. »Medical Intelligence hat die für Sie optimale Lösung umgesetzt. Ihr Gehirn musste lediglich um 180 Grad gedreht werden, damit Kopf und Füße in ihrer bereits korrigierten Ausrichtung bleiben können.«

Mustermann kann Health nicht erkennen, da er alles falsch herum sieht. Seine frühere Skepsis ist Panik gewichen. Er will nur noch raus und diesem klinischen Albtraum entfliehen. Er weiß, dass weitere Diskussionen nur in Tabletten und anatomischen Neuausrichtungen enden, weshalb er sich schlafend stellt. Health tippt ihn an. »Herr Mustermann? Hören Sie? Alles ist gut.« Mustermann schnarcht. Health verlässt das Zimmer.

Kaum ist der Pillengeber des Schreckens weg, versucht Mustermann aufzustehen, was sich allerdings als extrem schwierig erweist, da Arme und Beine verdreht arbeiten. Er will zur Tür, stolpert jedoch zum Fenster. Dort macht er eine faszinierende Entdeckung: Aufgrund seiner Hirnlageoptimierung kann er die Rückseite des Mondes sehen.

Da schießt ihm ein Gedanke durch den verdrehten Kopf: ›Ich sehe alles verkehrt herum. Ich blicke also sozusagen in einen …‹

Hastig tastet Mustermann sich zu dem Spind in seinem Zimmer, an dessen Innenseite ein Spiegel montiert ist. Er reißt die Tür auf und sieht sich bestätigt.

Er beschließt, die Schranktür auszuhebeln und sie mithilfe eines Gürtels vor seinen Körper zu schnallen. So kann er beim Laufen in den Spiegel blicken und die Welt wieder wie ein normaler Mensch sehen. Vorausgesetzt, man bezeichnet einen Menschen als normal, dessen Kopf und Füße in die falsche Richtung weisen und der sich eine Schranktür vors Gesicht geschnallt hat.

Mustermann öffnet vorsichtig seine Zimmertür. Kein SOCRATES, kein Health, nur verdächtige Stille.

›Egal, selbst wenn sie alle hinter der nächsten Ecke mit Tabletten und dem nächsten Eingriff lauern, habe ich wenigstens eine kleine Chance, dieser automatisierten Orthopädiehölle zu entkommen‹, denkt er und taumelt rückwärts in kleinen Schritten den Gang entlang, wobei der Spiegel gegen seine Stirn hämmert, während seine Fersen ständig vor die Schranktür knallen. Einen Flur weiter hört er Schreie, quietschende Rollen und zuschlagende Schubladen.

Als er sich vorsichtig um die Ecke schiebt, verknoten sich Magen und Herz zu einem verkrampften Klumpen. Patienten stolpern mit verdrehten Gliedmaßen durch die Gänge und werden von unzähligen Healths verfolgt, die in ihren Schubladen wühlen und mit Operationshemden in der Luft rumfuchteln, als wären es Fangnetze, während sie unermüdlich »Vielen Dank, dass Sie sich für Medical Intelligence entschieden haben« und »Wenn Sie bitte diese Tabletten nehmen wollen« rufen.

›Augen zu und durch‹, denkt Mustermann und beschließt, einfach draufloszulaufen. Für einen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen, als die Maschinen und humanoiden Marionetten ihren skurrilen Balztanz unterbrechen. Eine verspiegelte Tür schwankt an den Robotertischen vorbei, die abrupt ins Leere starren und ihre Arme senken, während Menschen, die der übernächsten Evolutionsstufe entsprungen zu sein scheinen, an den Wänden lehnen und nach Luft schnappen.

Kurz darauf hat Mustermann den Aufzug erreicht. Er kann sich selbst nicht erklären, wieso er einfach so den Pulk passieren konnte. ›Warum sind die plötzlich stehen geblieben? Ob die von ihrem Spiegelbild irritiert waren?‹, geht es ihm durch den Kopf. Hastig drückt er den Knopf, bevor die nächste Katastrophe ein Entrinnen unmöglich macht. Kaum dreißig Sekunden später hat der Schrankmensch die Empfangshalle erreicht und watschelt wie ein Pinguin der Freiheit entgegen. Einige Meter vor sich sieht er einen telefonierenden Mann, der ebenfalls in Richtung Ausgang geht. ›Nur noch wenige Meter‹, denkt er, doch da ertönt hinter ihm das gefürchtete Kratzen und Scheuern von Rollen auf Linoleumboden.

›Nicht stehen bleiben! Weiter! Raus hier!‹, denkt er noch, als er die Stimme des Mannes erkennt: der Techniker. »Ja, hier nochmal die Vertretung. Man hatte mir den falschen Patch mitgegeben, wodurch die Systeme nach dem Einspielen ein wenig durcheinandergeraten waren. Aber ich habe alles behoben. Die Systeme und Health-Einheiten habe ich sicherheitshalber nochmal durchgestartet. Alles läuft wieder normal.«

Mustermann bleibt stehen, sackt fast unmerklich zusammen und schließt die Augen. Schon ist Health an seiner Seite.

»Herr Mustermann, warum laufen Sie mit einer Schranktür vor dem Kopf durch das Krankenhaus? Und wieso gehen Sie in Richtung Ausgang? Herr Mustermann, es scheint, als stimme bei Ihnen die Anordnung von Händen, Füßen und Kopf nicht mit Ihrem Torso überein. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Nehmen Sie bitte diese zwei Tabletten, den Rest übernehmen wir. Schön, dass Sie sich für Medical Intelligence entschieden haben. Kommen Sie, ich bringe Sie auf Ihr Zimmer.«

Inzwischen ist Herr Mustermann fast vollständig genesen. Nur sein Gehirn konnte nicht mehr in die ursprüngliche Ausrichtung gebracht werden. Die Motorik konnte zwar in mehreren Sitzungen entsprechend der verdrehten Wahrnehmung neu trainiert werden und auch die Verarbeitung der optischen Eindrücke entspricht weitgehend wieder dem Normalzustand, jedoch haben Gehör und Sprachzentrum darunter gelitten. Mustermann spricht nun rückwärts und hört von hinten nach vorne. Medical Intelligence hat ihm kostenfrei eine simultan übersetzende KI zur Seite gestellt, um die Kommunikation mit Außenstehenden zu ermöglichen. Derzeit wird allerdings nur eine eigens hierfür hergeleitete Klatsch-Hüpf-Pfeif-Kommunikation unterstützt. Seminare sind für Familienmitglieder vergünstigt bei Language Intelligence buchbar – zusätzlicher Preisrabatt ab 8 Personen. Doch bereits das nächste Update soll fließend ins Kisuaheli übersetzen können.


Ende.

Wie fandet ihr Health? Und würdet ihr auf dem Display „Ich liebe ihn“ antippen? Schreibt es in den Thread.

Erstabdruck im BuchKnall-Magazin, Ausgabe 03 „Das erste Signal", September 2026. Die Rechte liegen beim Autor. Jede Ausgabe bringt eine Kurzgeschichte im Erstabdruck. Einsendungen an steffen@buchknall.com.

Papa Mike 01.09.2026, 10:54

Mir gefällts, es ist mal was andres. Science-Fiktion muss ja nicht immer zwischen den Sternen spielen.

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